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NATUR UND KULTUR
oder Grenzüberschreitungen sind
angesagt
Schon immer diente die Natur in ihrem
Formenreichtum als Vorbild für das, was der Mensch
gestaltet, doch gleichzeitig setzt er durch sein Werk der Natur
etwas entgegen, grenzt sich von ihr ab, schafft eine
künstliche Welt, eine neue sinnlich-geistige Dimension
eigener Ordnung und Unordnung. Das nennen wir Kultur. Wo der
Mensch diese von ihm geschaffene Kultur verlässt, erobert
sich die Natur in kurzer Zeit alles zurück. Sie zersetzt,
zerfasert, zerkleinert, überlagert, überdeckt,
überwuchert sie mit ihrer energiegeladenen Kraft und
Lebendigkeit. Mit einem Wort: Sie transformiert die
Gegenstände unserer Kultur und Unkultur, und neues Leben
nistet sich ein. Daher ist die Natur dem Menschen Anregung und
Bedrohung zugleich. Er bewundert und bekämpft sie im
gleichen Atemzug, arbeitet gegen sie an mit lärmenden
Maschinen und Giften. Er macht das Kraut zum Unkraut, das Tier
zum Untier, die Natur zur Unnatur.
Einen ganz anderen Umgang mit Natur zeigt
Barbara Baumann in ihrer künstlerischen Arbeit. Sie kehrt
das Negative ins Positive. Der Titel dieser Ausstellung im
Museum Rees lautet: „Geziefer“, nicht
„Ungeziefer“. Sie trennt die negative Vorsilbe
„Un-" ab und schafft ein Wort, das es eigentlich gar
nicht gibt: „Geziefer“! Und wir verstehen, was sie
damit meint. „Geziefer“! Wir verstehen, dass sie
mit dieser Wortschöpfung etwas in ihr Gegenteil verkehren
will, so wie sie in ihren Arbeiten die von uns so sorgsam
gezogenen Grenzen zwischen Natur und Kultur negiert. Sie
akzeptiert den Teil der Natur, gegen den wir uns so vehement
wehren: die Kleintiere, Insekten, Schädlinge, kurz, das so
genannte Ungeziefer, das uns immer wieder zu
überwältigen droht. Mit ihren teils stark farbigen,
plastischen Objekten setzt sie Natur und Kultur in eine sehr
enge Beziehung zueinander und erzeugt so zwischen diesen beiden
Bereichen ein Spannungsfeld, das unser gewohntes Denken in
Frage stellt: „Geziefer“ in der Handtasche?
Unvorstellbar! Dort, wo wir diesem Gewimmel von Kleintieren
keinen Ort zugestehen, schafft sie ihnen ein Ort der
Aufgehobenheit. „Geziefer“ in der Handtasche! Der
modische, gut gehütete Kultgegenstand der Frau wird zum
Nest, zum Kokon, fast selbst zum Insektenkörper für
allerlei „Geziefer“. Die Phobie der meisten Frauen
vor Kleingetier und Spinnen wird auf humorvoll-ironische Art
ins Blickfeld gerückt, denn die Handtasche wird zum Nest,
in dem das Lebendige zu Hause ist, in dessen Tiefen sich
krabbelnde Wesen entwickeln, sich anheften, sich verspinnen
dürfen, aus dem sie uns anschauen, aus dem sie
überquellen um wieder nach Außen zu dringen,
dorthin, wo wir als Betrachter stehen.
Poppige kleine und große Handtaschen
stehen keck und fröhlich leuchtend in Pink, Hellgrün
und Lila wie zufällig abgestellt auf gepflegten
Fußböden und verraten zunächst nichts von ihrem
Inhalt. Erst bei genauerem Hinsehen ahnen wir, was in ihnen
steckt. Doch mehr als ein Erschrecken provoziert das ein
Schmunzeln, denn wir verstehen die Anspielungen. Barbara
Baumann schafft heitere, poetische Objekte von bizarrer
Lebendigkeit.
Eisen, Draht, Zement, Nylonfäden und
Farbe sind ihre bevorzugten Materialien. Aber auch ihre eigenen
Haare setzt sie als Gestaltungsmittel ein, wie bei der
Handtasche 4. Sie wirkt wie ein großes, flaches Wesen mit
winzigen Extremitäten. Die Oberfläche lässt
Spuren der eingesetzten Materialien und des Arbeitsprozesses
erkennen. Sie wurde nicht geglättet, sondern bewahrt die
malerisch lebendige Spur der Hand. Große Flächen
kontrastieren mit kleinen abgeknickten Ecken. Das feste
Äußere kontrastiert mit dem fragilen, rothaarigen,
nestbildenden Inneren, aus dem uns türkisfarbene
Augentierchen anschauen, die wie Perlen aus dem Inneren
herauszuhüpfen scheinen.
Barbara Baumann schafft keine
Körbchen für Kuscheltiere und
Schoßhündchen, die mit dem Kopf wackeln, wohl aber
für Spinnentiere und andere merkwürdige Gestalten.
Sie stellt mit ihren Objekten das Alltägliche, das
Normative listig in Frage, ohne den belehrenden Zeigefinger zu
erheben. Ihre Objekte stimmen den Betrachter heiter und
nachdenklich zugleich.
Hildegard Pütz, Künstlerin, Mai
2003
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